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ANA LAURA ALÁEZ. Pulso estético / Pulso poético

Räume: Casal Solleric - Zona Base
Zyklus: Dunkelkammer
Kurator: Fernando Gómez de la Cuesta
Zeitraum: 11. April - 14. Juni
Einrichtungen: die Stadt Palma: Ajuntament de Palma und die Stiftung Fundación Banco Santander


Die Dunkelkammer: Das, was man nicht sieht
Der kreative Akt ist ein ständiger Kampf, bei dem es nur kaum mal einen Waffenstillstand gibt, ein permanenter Impuls, der in einem selbst beginnt und der einen nie unversehrt lässt. Die Divergenzen und Symbiosen, die zwischen dem Formellen und dem Konzeptuellen, zwischen der Inspiration und der Transpiration, zwischen Realität und Abstraktion, zwischen dem Tiefsinnigen und dem Oberflächlichen, Zuneigung und Abneigung, dem Wörtlichen und dem Symbolischen, Direktem und Indirektem, der Ästhetik und der Poetik entstehen, bilden ein komplexes Koordinatensystem, in dem sich der wahre Künstler mit Leidenschaft und Energie, mit Schmerz und Hoffnung bewegt.

Das Werk Perseverancia (Beharrlichkeit) (2014) [1] kommt aus einem der unterirdischen Säle des Casal Solleric empor und zeichnet dabei zwei vertikale Linien aus Stoff, die die Lederriemen des Schuhs bis zur Decke verlängern, die diesem als Basis dienen. Eine feinfühlig wirkungsvolle Arbeit, die in einem direkten Bezug zu ihrer ersten Installation mit dem Namen Mujeres sobre zapatos de plataforma (Frauen auf Plateauschuhen) (1993) steht, und gleichzeitig bestätigt, dass die Sprache, die einen Schöpfer begleitet und die er entwickelt, ihm auf lange Sicht die Eroberung eines Territoriums echter Freiheit ermöglicht. Um es mit den Worten von Aláez selbst zu sagen: "Es ist die Beharrlichkeit, die den Werdegang eines Künstlers legitimiert." Perseverancia soll die beiden Ebenen dieses ungewöhnlichen Raumes visuell verbinden und die Aufmerksamkeit des Publikums erregen, dem möglicherweise nicht bewusst ist, was im Schoße dieses alten Ölspeichers passiert, der sich nun erneut in einen Ausstellungssaal verwandelt hat.

Ana Laura Aláez hat immer wieder ihr Interesse zum Ausdruck gebracht, Personen als Sprache darzustellen und sie war immer der Ansicht, dass große Städte sich besonders eignen, um zu verstehen, dass Kultur aus Unterschieden entsteht. Mit einem direkten Bezug auf das Werk Chair (1969) von Allen Jones ist Chair-Dog-Woman-Pond-Picnic Performance (2013) [2] während eines Arbeitsaufenthaltes in London entstanden, in einer Stadt, mit der sich die Künstlerin besonders identifiziert, da London für sie in ihrer Jugend jener mythische Ort war, an dem sich anzuziehen bedeutete, ein persönliches Manifest hervorzuholen, und zwar mithilfe des einzigen Materials, das ihr zur Verfügung stand: die Kleidung. Sie selbst sagt: "Meine ästhetische Darstellung war ein künstlerischer Keim. Die Rhetorik entwickelte sich erst später, als ich über die Person bereits mit meiner Erzählung begonnen hatte." Das Werk besteht aus sechs Fotografien, die im Manetstil ein zeitgenössisches Déjeuner sur l'herbe (1863) wiedergeben, und zwar in jenem ländlichen Kontext, der es aus dem städtischen Umfeld herausreißt. Mit diesem Werk beginnt Aláez einen Weg zu beschreiten, der sie zurück zu dem Ursprung bringt, zu jenem Raum, in dem man auf essenzielle Fragen zurückkommt und der uns verletzlicher aber auch stärker zeigt.

Deswegen gehört die Serie Contra la naturaleza (Gegen die Natur) (2012-2015) [3] genau in dieses Umfeld. Es ist eines der ersten Werke, die Ana Laura Aláez auf Mallorca produziert hat, wo sie ihr klares Interesse für den Mythos als Erzählung festigt, als eine Schilderung, die, wie Paul Ricoeur erklärt: "sich auf Ereignisse bezieht, die zum Beginn der Zeit stattfanden und die zum Ziel hatten, rituelle Handlungen der Menschen des Tages zu entwickeln und im Allgemeinen jene Strömungen des Handelns und des Denkens, die den Menschen helfen, sich selbst in der Welt zu verstehen". Aláez nimmt die Herausforderung an, dieses neue ländliche Umfeld zu verwenden, sie, die bis zum jetzigen Zeitpunkt immer jemand war, der in großen Städten lebte, an Orten, an denen man den Unterschied leben kann. Das ist auch der Grund, weswegen der Titel des Werkes direkt darauf abzielt, sich dem biologischen Erbe entgegen zu stellen, den geerbten Körper zu zerrütten und Unterschlupf in dem konstruierten Körper zu finden: "Sexuelle Kategorien interessieren mich nicht: Homosexualität, Bisexualität, Heterosexualität. Der Konflikt ist ein anderer. Der Mensch als eine sich ständig verändernde Einheit, das bedeutet für mich 'queer'. Für mich ist 'queer' eine natürliche Tendenz. Ich finde das nicht eigenartig. Das 'Natürliche', das finde ich eigenartig". Eine Serie aus drei Fotografien, die viele weitere Aktionen vereinen, in denen unterschwellig die Idee der Natur als Zuflucht und gleichzeitig als ein Ort der Schutzlosigkeit vorhanden ist, und in der eine Ruhe herrscht, die dazu einlädt, dem inneren Kampf jedes Einzelnen ins Auge zu sehen.

Diese Ansätze dialektisch betrachtet aber nicht binär und absichtlich mehrdeutig und die Mehrdeutigkeit als einen Wert ansehend, bringen die vitale und kreative, veränderliche und vernünftige Persönlichkeit zum Ausdruck, die die Künstlerin bei all ihren Projekten begleitet hat, und die sie uns hier, auf gewisse Weise, offenbart. Ein Beweis dafür ist das nächste Stück dieser Ausstellung: Culito (Popo) (1996-2008) [4] eine der ersten gegossenen Skulpturen von Aláez, bei deren Entwicklung ihr die Arbeit von Eva Hesse gegenwärtig war, die sehr häufig mit Ideen arbeitete, die in der Männerwelt kaum verwendet werden, wie Flüssigkeiten und Sekrete. Es ist ein Werk, das auf gewisse Art eine der formellen und konzeptuellen Richtungen zeigt, die die Künstlerin auf ihrem kreativen Weg immer begleitet haben: "die vollendeten und abgeschliffenen Formen und das völlig Unklare". Es macht auch deutlich, wie Aláez Grundsätzen bezüglich des Geschlechtes immer widersprach, in ihrem Fall bezüglich der Schöpfung und des Lebens: "Ich habe von Anfang an die Männer/Frauenbeispiele abgelehnt, die man mir anbot. Schon in meiner Jugend sah ich mich verpflichtet, einen Geschlechterkampf mit meinem eigenen Vater anzuführen. Aber ich denke, dieser Kampf ging weit über das Biologische hinaus und über die Tatsache, weibliche Organe zu haben. Ich glaube, seine Sicht der Welt war sehr begrenzt: Ich wollte glauben, dass es eine große Vielseitigkeit gibt, dass die Gefühle und deine eigene Person unermesslich sind."

Pulso estético / Pulso poético (Ästhetischer Puls / Poetischer Puls) (2015) [5] ist das ortsspezifische Werk, das extra für diese Ausstellung erstellt wurde, und das als Epilog dient und gleichzeitig als Neuanfang, eine Reflexion über den Schöpfungsakt selbst, die Ana Laura Aláez in den Raum stellt. Es ist während des Prozesses, wenn der Kampf geführt wird zwischen Kennenlernen und Agieren, zwischen Handeln und Fühlen. Man könnte sagen, dass der Künstler nur ein einfacher Mittelsmann ist, der diesen "dunklen" Teil widerspiegelt, dieses Labor, in dem viele Zweifel und Ängste sichtbar werden. Die Erfahrung kämpft darum, ans Licht zu kommen, zu einem Symbol zu werden. "Die Dunkelkammer" ist in diesem Fall der Künstler selbst, denn er ist das Instrument, das die eigenen "Befehle" des Werkes befolgen muss. Das Werk als formales Ergebnis ist eine geometrische Figur, die sich in Spannung befindet und bei der diesem Puls, der dem Werk und dem gesamten Projekt seinen Namen gibt, das Organische zugrunde liegt. Eine Skulptur, die als eine Dialektik zwischen der Gegenwart und dem, was man nicht sieht, gedacht ist, um in einer komplexen Reflexion voller Fragezeichen über den Schöpfungsakt zu gipfeln: Wie viel Wahrheit steckt in den Ideen? Wie viel von den Menschen ist in den Dingen?

Dauer: vom 11 april bis zum 14 juni 2015.

[DE]Lloc de l'exposició

Datum der letzten Änderung: 26 Juni 2015

  

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